„Liane in Flammen“

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... oder „Lehrgang für sachkundige Aufsichtspersonen (SAUP)“

Das Staatstheater gibt zum 40. Mal „Der Dieb von Bagdad“. Der Zuschauerraum ist wieder bis auf den letzten Platz besetzt. Auf der Bühne drei Schauspieler in einer Kulisse bestehend aus einer vom Schnürboden herabhängenden Liane, mehreren Felsblöcken aus Styropor und einem grüner Bodenbelag. Alles sehr übersichtlich. Ein Schauspieler klettert auf die Liane und wirft mit lautem Donner einen gleißenden Blitz auf einen anderen Schauspieler.

Diesmal nimmt das Spiel allerdings eine unerwartete Wendung. Ein Funke verfängt sich in der Liane, in deren Mitte unverzüglich eine Flamme lodert. Glut tropft auf den Boden. Sofort steht auch der untere Teil der Liane in Flammen. Der Schauspieler an der Liane schreit „Feuer, Feuer!“ Trotzdem dauert es ganze 17 Sekunden bis er von dem zuständigen Bühnentechniker an einem unsichtbaren Seil hängend von der brennenden Liane weggezogen wird. Weitere 20 Sekunden vergehen. Erst dann stürmen zwei verschlafene Brandwachen mit Feuerlöschern auf die Bühne. Ein seidener Bühnenvorhang wird heruntergelassen, verfängt sich in den übrigen Vorhängen und zertrennt eine Stromleitung. Das Publikum klatscht Beifall.

Ein Hausmeister, drei Lehrer, drei Schüler und ich verfolgen gebannt diese katastrophale reale Szene zum Glück nur auf der Leinwand. Bühnenmeister Sebastian Hellwig beendet mit diesem sehr kurzen Film (44 Sekunden) seinen dreitägigen Lehrgang für „Sachkundige Aufsichtspersonen (SAUP)“. Uns Lehrgangsteilnehmern wird plötzlich bewusst, wie ein einziger kleiner Fehler beinahe das Ende eines renommierten Staatstheaters und den Tod zahlreicher Menschen hätte bedeuten können. Und das obwohl das Staatstheater über langjährige Erfahrung und hervorragend ausgebildete Techniker und Bühnenmeister verfügt.

Wir haben gelernt, dass auf Bühnen und bei Veranstaltungen nur schwer entflammbare Materialien verwendet werden dürfen. Für den „Dieb von Bagdad“ wurde mit einem scheinbar schwer entflammbaren Stoff ein Seil zur Liane umdekoriert. Der mit einem Gütesiegel versehene Stoff lagerte allerdings zuvor vier Jahre lang in einem relativ feuchten Raum des Theaters, wodurch er seine Imprägnierung verlor und leicht entflammbar wurde.

Bei Sturzgefahr müssen die Schauspieler so gesichert werden, dass sie bei einem Bühnenbrand unverzüglich vom Brandherd weggezogen werden können. Leider war im Staatstheater der zuständige Bühnentechniker von einer hübschen Schauspielerin hinter den Kulissen abgelenkt und bemerkte die Katastrophe dadurch viel zu spät.

Bei offenem Feuer muss immer die Feuerwehr informiert und eine Brandwache installiert werden. Im Staatstheater waren die beiden zuständigen Feuerwehrleute eingeschlafen.

Wir lernten aber auch weshalb man auf Bühnen niemals handelsübliche Verlängerungskabel und Mehrfachsteckdosen mit PVC-ummantelten Kabeln nutzen darf.

Sehr anschaulich vermittelte uns Herr Hellwig, weshalb in Fluchtwegen niemals Gegenstände liegen oder gar Möbel stehen dürfen, womit auch gleich die leidliche Diskussion über Buffets u. ä. im Foyer unserer Mehrzweckhalle ein Ende hatte.

Langsam lernten wir Gefahrenbeurteilungen zu schätzen und verstanden, weshalb jede Veranstaltung genau einen Veranstaltungsleiter mit entsprechenden Kompetenzen benötigt.

Am letzten Tag gab uns der erfahrene Bühnenmeister zahlreiche Tipps zum Kulissenbau. So lernten wir u.a. den höchst effizienten und effektiven Bau wiederverwendbarer  Kulissen: aus leichten Elementen mit einer Höhe von 3,50 Meter und einer Breite von 1,20 Meter.

Am Ende waren sich alle darin einig, dass diese drei Tage höchst interessant und motivierend waren. In den kommenden Tagen werden wir uns erneut zusammensetzen und beratschlagen, wie das Gelernte möglichst rasch umgesetzt werden kann.

Jürgen Beckmerhagen