Bewegender Vortrag von Henning Köhler

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Henning Köhler - Radikaler Anwalt unserer Kinder

Montag Abend. Der kleine Saal ist gefüllt, wie selten zuvor. Eltern und Pädagogen warten gespannt auf den Mann, der seit vielen Jahrzehnten seine ganze Energie an den Rand unserer Gesellschaft gedrängter Kinder widmet. Wieviele Narben Henning Köhler aus zahllosen Gefechten mit Institutionen, Pädagogen und Eltern davon getragen hat, bleibt uns hinter seinem weißen Vollbart verborgen. Dass er geistig und körperlich jung und fit geblieben ist, davon zeugen nicht nur sein sportliches Outfit und sein langes, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenes weißes Haar. Seine Augen leuchten sobald er Partei für seine - für unsere - Kinder ergreift.

Damals soll alles besser gewesen sein? Diesen Einwand wischt Köhler gleich zu Beginn seines Vortrags mit einem Handstreich vom Tisch. Kinder hatten es in unserer Gesellschaft noch nie leicht. War es damals der Rohrstock, der auffällige Kinder ruhig stellte, so ist es heute die chemische Keule in Form von Psychopharmaka. Ist die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) womöglich eine Natur-Defizit-Störung (NDS), wie sie amerikanische Wissenschaftler inzwischen postulieren?

Henning KöhlerHenning KöhlerEs geht unserer Gesellschaft seit jeher keineswegs um die Entwicklung von Individuen, sondern um Konformität, Normalität, Unauffälligkeit. Kinder und Jugendliche, die sich nicht normgerecht verhalten, werden an den Rand gedrückt - erst in die Arztpraxis, dann in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und schließlich in eine Spezialeinrichtung für Härtefälle. So sieht es zumindest Henning Köhler.

Niemand fragt: „Was braucht das Kind?“ Niemand fragt: „Weshalb verhält sich das Kind so?“

Stattdessen verweisen wir auf Schulabschlüsse, Schulgesetze und andere Vorschriften. Wir schieben die Schuld auf Andere. All dies dient nicht dem Kind. Köhler fordert von den Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtungen Kreativität bei der Umsetzung der Vorschriften.

Ein „Ja - aber“ will Henning Köhler nicht akzeptieren. Er verlangt von der Schulgemeinschaft einen sozialen Pakt mit jedem einzelnen Schüler: „Wir stehen zu Dir in guten und in schlechten Zeiten.“ Schon fast vorwurfsvoll richtet er sich an die Pädagogen und berichtet von individuellen Lösungen, die einzelne Schulgemeinschaften für besondere Kinder gefunden haben: einen Kooperationsvertrag mit einem Handwerksbetrieb oder einen Ruheraum - eine „Oase“ - in der Kinder, die dem Unterricht vorübergehend nicht folgen können, betreut werden.

Der Name seines Instituts ist ganz offensichtlich sein Programm: „Janusz Korczak“ - der Arzt und Lehrer, der im August 1942 in Treblinka mit seinen jüdischen Schülern in die Gaskammer ging, obwohl ihn die Nazischergen davon abhalten wollten. Wie sehr ist mir Korczaks Buch „Wie man ein Kind lieben soll“ unter die Haut gegangen!

Kann in unserer Zeit ein Mensch noch dem Anspruch gerecht werden, der aus dem Namen „Korczak“ erwächst? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall hat sich Henning Köhler das Ziel gesetzt, Kindern zu helfen, damit sie wieder Vertrauen zu sich und zur Welt schöpfen können - damit sie abends dankbar für den Tag einschlafen können und morgens mit Freude den neuen Tag begrüßen. Das ist mehr als genug.

Am Ende des Vortrags bleibt die Freude, dass unsere Kinder in Henning Köhler einen radikalen Fürsprecher gefunden haben.

Jürgen Beckmerhagen